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Zu „Delikate Verbrechen“:

Ausbruch aus der Langeweile

Reich und schön sind sie, doch ihr Leben ist unendlich langweilig. Hugo und Lila (René Böttcher, Maike Mielewski) sind die Hauptfiguren im Theaterstück „Delikate Verbrechen“ an der Studiobühne, das am Samstag Premiere feierte. Der brasilianische Autor José António de Souza, eigentlich Experte für Telenovelas, stellt ein Paar vor, das sich längst nichts mehr zu sagen hat und jetzt verzweifelte nach neuen Impulsen sucht.

Lila, gefühlskalt und egoistisch, erscheint wie die böse Schwester der Madame Pompadour. Sie ergötzt sich an blutrünstigen Gräuelgeschichten in den Medien und würde sich gerne mal als Mörderin versuchen. Sämtliche Haustiere hat sie schon routiniert weggemeuchelt, nun also soll es ein Mensch sein, am einfachsten die eigene Bedienstete.

 

Weichei mit Kampfgrinsen

Hugo, mit Perücke und im Tennisdress, ist zunächst ganz das biedere Weichei mit dem Krampfgrinsen. Im zweiten Akt des Stücks wird er dann eine andere, nicht weniger beunruhigende Seite seines Charakters zeigen. Ein Beil spielt dabei eine wichtige Rolle.

Zu diesem Zeitpunkt ist Lila bereits auf dem Weg in einen komfortablen Wahnsinn, erkennend, dass Hass als Motor des eigenen Handeln etwas dürftig ist, zumal wenn sich das ins Auge gefasste Mordopfer (Jule Stiller) als denkbar ungeeignet erweist.

Anderthalb Jahre hat sich Regisseur René Böttcher mit dem Stück befasst: „Wir müssen uns doch immer fragen, ob wir wirklich emotional bis zur Welt durchkommen. Würde diese Welt dann nicht anders aussehen?“ Das Stück, bislang nur einmal in Deutschland aufgeführt, stelle diese Frage sehr pointiert und unterhaltsam.

Als kleine Bühne sei man besonders verpflichtet, immer wieder den Spagat zwischen Anspruch und Unterhaltung schaffen, betont der Regisseur. Bei „Delikate Verbrechen“ gelingt das ganz ausgezeichnet.

Maike Mielewski und René Böttcher spielen ihren Rollen exaltiert bis zur Charge, ein Ansatz, der tatsächlich aufgeht. Erst die mutige Verfremdung zeichnet diese sehr sonderbaren Gestalten auf der Bühne scharf, sehr zum Vergnügen der Zuschauer.

 

Die naive Hausangestellte bringt die Wendung

Gleichzeitig bietet das Stück den Schauspielern die Gelegenheit, die gesamte Klaviatur ihres darstellerischen Könnens zu zeigen. Das gilt auch für Jungschauspielerin Jule Stiller. Sie gibt als naive Hausangestellte und designiertes Opfer Iphigenia dem Mordkomplott und seiner blutigen Umsetzung die unerwartete Wendung.

Warum die wohlige Erregung des bizarren Paares über die eigene Bösartigkeit in Entsetzen umschlägt, soll hier ebenso wenig verraten werden, wie die wirklich fiese Pointe, die sich de Souza für das Finale seines Zweiakters ausgedacht hat. Unbedingt lohnend ist auch ein Blick auf die Schaufensterpuppe auf der linken Seite der Bühne; ihre Verwendung in Verbindung mit Erfrischungsgetränken ist erstaunlich.

, Markus Peters, Kölner Stadt-Anzeiger am
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