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Zu „Der goldene Drache“:

Die Schattenseite der Globalisierung

Studiobühne Siegburg feiert erfolgreich Premiere mit Roland Schimmelpfennigs "Der goldene Drache"

SIEGBURG. Der kleine Chinese, Koch im Thai-China-Vietnam-Schnellrestaurant "Der goldene Drache", irgendwo in Deutschland, winselt und schreit vor Zahnschmerzen in der winzigen Küche des Lokals. "Der Zahn ist völlig verfault" stellt einer seiner vier asiatischen Kollegen lakonisch fest. Was tun? Zu einem Zahnarzt kann der Gepeinigte nicht, da er kein Geld und auch keine Aufenthaltsgenehmigung hat. Kurz entschlossen greift einer der Männer zur Rohrzange, befreit ihn brachial von seinem Übel. Mit tödlichen Folgen. Kreidebleich sinkt "der Kleine" zu Boden und verblutet. Später wird er von einer Brücke in den Fluss "entsorgt". Der gezogene Zahn fliegt und fliegt, zunächst im hohen Bogen in einen Wok, von dort landet er in der "Nummer 6 - Thai-Suppe mit Hühnerfleisch, Kokosmilch, Thai-Ingwer, Tomaten, Champignons, Zitronengras und Zitrusblättern, scharf" und schließlich im Mund einer Stewardess, die sich im gleichen Haus mit einer weiteren Flugbegleiterin eine Wohnung teilt und zu den Stammgästen zählt.

Der Zahn taucht immer wieder in der Handlung auf, die sich um das Leben von illegalen Migranten und ihrer Ausbeutung in Zeiten der globalisierten Welt dreht, die in dem Stück "Der goldene Drache" von Roland Schimmelpfennig auf ein Haus reduziert ist. Neben den fünf Köchen stehen Menschen im Mittelpunkt, die neben oder über dem Imbiss wohnen. Alle sind unzufrieden und möchten, dass es wieder wird wie früher. So etwa der alte Mann, dessen Enkelin, die von ihrem Freund verlassen wird, weil sie schwanger ist, ein Lebensmittelhändler und zwei Stewardessen sowie "der Mann im gestreiften Hemd", der sich wünscht, seine Ex hätte den Neuen nie kennengelernt.

Begleitet wird das Porträt der verschiedenen Protagonisten von der Fabel um eine Grille, die den ganzen Sommer lang nur singt, während eine Ameise schwer arbeitet. Im Winter bittet sie die Ameise um Essen und wird von der im Gegenzug zur Prostitution gezwungen, bis sie von einem Freier "kaputt gemacht" wird. So unappetitlich und überzeugend dargestellt wird der morsche Zahn beschrieben, der nach Aussage der Stewardess nach Suppe und Blut schmeckt. Nach und nach gehen Fabel und Handlung um Hausbewohner und Köche ineinander über. Obwohl das Stück mit erschreckenden Szenen einen brutalen Einblick in menschliche Abgründe gewährt, Ausbeutung und Erniedrigung schonungslos anprangert, trägt das Drama komödiantische Züge und löst beim Publikum immer wieder lautes Lachen aus. Harter Stoff, amüsant serviert.

Die Schauspieler wechseln die verschiedenen Charaktere im Minutentakt, moderieren ihre Rollen förmlich an, sprechen die Regieanweisungen mit ("kurze Pause"). Das rasante und trotz des aufwühlenden Themas auch humorvolle Drama bringen die Studenten der Schauspielschule Siegburg, Kim Häberle, Lisa Hansmann, Vanessa Stoll, Lukas Maurer, Jan Meier und Christian Reinecke mit viel Spielfreude, Witz, aber auch mit dem notwendigen Ernst auf die Bühne. Regie führt Tobias M. Walter, selbst Absolvent der Schauspielschule. Beste Unterhaltung mit Tiefgang.

, Paul Kieras, General-Anzeiger am
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