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Zu „Der Gott des Gemetzels“:

Jeder gegen jeden – bis die Fetzen fliegen

Es beginnt ganz harmlos mit dem Austausch einiger Nettigkeiten bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen und endet in einem Desaster. So die Kurzfassung von Yasmina Rezas Komödie „Der Gott des Gemetzels“, die am Samstagabend Premiere auf der Studiobühne feierte. Das Ehepaar Veronika (Julie Fees) und Michael (Christoph Wolff) empfängt in seiner Wohnung das gleichgeschlechtliche Ehepaar Annette (Vanessa Stoll) und Ada (Maike Mielewski).

Der Grund: Deren elfjähriger Sohn Ferdinand hat den gleichaltrigen Bruno, Sohn der Gastgeber, mit einem Stock ins Gesicht geschlagen, wobei ein Schneidezahn ausgeschlagen, bei einem anderen ein Nerv teilweise freigelegt wurde. Die Eltern der beiden sind zusammengekommen, um das Geschehen zu erörtern und eine Aussprache zwischen dem „Schläger“ und dem Jungen mit dem „zerschmetterten Gesicht“ zu arrangieren. Um Konsens bemüht und politisch korrekt. Zunächst.

Denn es dauert nicht lange, bis das klärende Gespräch ausartet. Sticheleien werden zu Wortgefechten, dann zu Handgreiflichkeiten – der gemütliche Nachmittag eskaliert. Die Paare gehen sich gegenseitig, aber auch untereinander an den Kragen, ein Ehepartner ergreift Partei für einen des anderen Paares. So giftet Michael Ada und Annette gegenüber zum Beispiel: „Seitdem ich Sie kenne, muss ich Ferdinand mildernde Umstände zugestehen.“

Und seine Frau fährt er an: „Wie man sich so vor anderen Leuten blamieren kann.“ Veronika kontert kurz und knapp: Halt‘s Maul.“ Voller Abscheu bemerkt Annette in Bezug auf ihre Ehepartnerin, die ununterbrochen das Handy am Ohr hat: „Unser Leben wird zerhackt von ihrem Handy.“ Michael, der den Hamster seiner Tochter ausgesetzt hat, wird als „Hamstermörder“ beschimpft.

Um die beiden Jungs geht’s mittlerweile nur noch nebenbei. Die feinen Herrschaften lassen die Maske fallen. Es tun sich menschliche Abgründe auf, es wird beleidigt und provoziert, der Finger in die Wunden jedes Einzelnen gelegt. Eine verbale Schlacht beginnt, der servierte Alkohol enthemmt, dann fliegen Blumenvasen, während alle das Lied „Schön ist es auf der Welt zu sein“ singen. Einzig Ada fühlt sich letztlich in ihrer Weltanschauung bestätigt. Sie habe immer an den Gott des Gemetzels geglaubt, so ihr Statement.

Gast-Regisseur Bardia Rousta hat mit der Zusammenstellung des Ensembles für seine Inszenierung vier Volltreffer gelandet. Von der ersten Minute an laufen die Schauspieler zu Höchstform auf. Ihre Körpersprache und Mimik beim Austeilen und Einstecken, bei den jeweiligen Wortgefechten, und selbst wenn sie nicht an der Reihe und nur stumme Betrachter der Szene sind, sind so passend und überzeugend, dass der Zuschauer das Gefühl bekommt, nicht im Theater zu sitzen, sondern Zeuge eines realen Disputs zu sein.

Dabei ist das Ganze so komisch, was sich da auf der Bühne zwischen hysterischen und Tobsuchtsanfällen, Bösartigkeit und Hilflosigkeit abspielt, dass ein Dauergrinsen über die gesamten 90 Minuten nicht aus dem Gesicht weicht. Je absurder es wird, desto witziger ist es. Ein Theaterabend ohne einen noch so kleinen Leerlauf, der mitreißt und bei dem die Zeit wie im Flug vergeht. Und sogar einen lokalen Bezug hat der Regisseur hergestellt. Das Stück spielt in Siegburg, die Auseinandersetzung der beiden Jungen hat auf dem Michaelsberg stattgefunden und nicht wie in der Vorlage in einer Pariser Schule. Beste Unterhaltung mit Protagonisten auf allerhöchstem schauspielerischem Niveau.

, Paul Kieras, General-Anzeiger Bonn am
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